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Sonntag, 5.12.1999 17.00 Uhr Zurück zur Übersicht
Dreifaltigkeitskirche Kaufbeuren

Claudio Monteverdi: Marienvesper

Vespro della Beata Vergine (1610)

Chor-und Orchesterkonzert

Dreifaltigkeitskirche Kaufbeuren

Monika Mauch - Sopran
Heike De Young - Sopran
Jürgen Banholzer - Altus
Sebastian Hübner - Tenor
Daniel Sans - Tenor
Johannes D. Schendel - Bass

La Stravaganza Köln
Kantorei der Dreifaltigkeitskirche Kaufbeuren

Leitung: Traugott Mayr

Einführungsabend
mit Dr. Theodor Glaser
Donnerstag, 25.11.1999,
Matthias-Lauber-Haus

Zur Besprechung in der Allgäuer Zeitung

Zum Inbegriff festlich-prunkvoller Barockmusik ist sie geworden: die Musik aus dem Venedig der Hochrenaissance und des angehenden Barock. Insbesondere Giovanni Gabrielis Bläsercanzonen sind weltberühmt geworden durch ihre spielerischen Stereophonie- und Echoeffekte, die von den räumlichen Möglichkeiten des Markusdomes mit seinen zahlreichen Emporen inspiriert wurden.

Diesen faszinierenden Möglichkeiten konnte auch Claudio Monteverdi nicht widerstehen. Zu seiner Bewerbung um das Amt des Kapellmeisters an San Marco schrieb er eine festliche Gottesdienstmusik, die MARIENVESPER, die durch ihren spielerischen Umgang mit dem Kirchenraum und durch ihre klanglichen Kontraste fasziniert und zu den reizvollsten Oratorien aus der Zeit vor Bach gehört.

Die MARIENVESPER - der Name sagt es schon - ist Musik zu einem Abendgottesdienst (Vesper), in dessen Mittelpunkt Maria steht. Dabei erklingen eine Reihe biblischer Psalmen und Hymnen, die dann als abschliessenden Höhepunkt in den Lobgesang der Maria, das Magnificat (Luk.1, 46-55), münden. Das Magnificat ist übrigens auch heute noch Bestandteil jeder (auch evangelischen) Vesper.

Ausgesprochen festlich und fröhlich ist Monteverdis Musik zu dieser Marienvesper ausgefallen. Ihren ganz besonderen klanglichen Reiz gewinnt das Stück jedoch erst durch das Orchester, das noch Instrumente der Renaissance verwendet:

Posaunen und Zinken (Vorläufer der Trompete), Flöten und Fiffari (eine Art Oboe), Gamben und Violinen stehen sich als kontrastierende Klanggruppen gegenüber. Harfe, Laute, Cembalo und Regal (eine schnarrende Kleinorgel) ergänzen das Orchester als Begleitgruppe.

Wir freuen uns besonders, für dieses Konzert mit dem Orchester La stravaganza aus Köln ein ausgesprochenes Spitzenensemble in Kaufbeuren zu Gast zu haben, das auf das Spiel dieser außergewöhnlichen Instrumente spezialisiert ist.

Maria: Im Schutz der Dogmen
Wie mit einem Zaun wurde die Gestalt der Maria umgeben. Vier Maien-Dogmen sollen sie schützen. Oder genauer gesagt: Diese vier Mariendogmen sollen die Gottheit Jesu schützen. Der Titel der "Gottesgebärerin" wurde Maria 431 zugesprochen. Sie hatte nicht nur einem außergewöhnlichen Menschen das Leben geschenkt, sondern dem Sohn Gottes. Aber wie kann ein sündiger Mensch die Mutter Gottes sein? So wurde ab dem 7. Jahrhundert ihre immerwährende Jungfräulichkeit festgeschrieben, ihre eigene unbefleckte Empfängnis (1854) und schließlich ihre leibliche "Himmelfahrt" (1950). Maria fest im Griff katholischer Dogmatik?

Vorbild Maria
Evangelischen Christen gilt Maria als große biblische Gestalt. Ihr Magnificat erinnert an den Lobgesang der Hanna aus dem Alten Testament. Maria beschreibt dabei die Zukunft der Gottesherrschaft als schon eingetreten. In ihrem Magnificat weitet sie den Blick vom persönlichen Schicksal zum Schicksal des ganzen Volkes bis zum Heil für die Menschen auf der Schattenseite des Lebens überhaupt. Es ist ein Lied von vorbildhafter Freiheit, persönlicher Hoffnung und politischer Sprengkraft. Maria erscheint als Urbild der Menschen, die sich von Gott beschenken lassen und alles von ihm erwarten. Er hilft dem Niedrigen auf.
Maria aus evangelischer Sicht: Sie ist eine herausragende Glaubens-Zeugin. Sie weist in besonderer Art auf Gott, auf Jesus hin. Eine erlösende Rolle aber kommt ihr nicht zu.