Allgäuer Zeitung vom 1.12.2001

Präzision und Geschlossenheit

Aufführung aus hohem Anlass:
Verdis Messa da Requiem

Kaufbeuren

Braucht man für die Aufführung eines Werkes der Kirchenmusik einen religiösen Anlass? Die Antwort ich sicherlich nein. Denn die großen Sakralmusikkompositionen sind immer vor allem eines: große Kunst. Ein wenig seltsam mutete es also an, dass die Aufführung von Giuseppe Verdis Messa da Requiem aus Anlass der Heiligsprechung der Crescentia Höss zur Aufführung kommen sollte.

An sich keine schlechte Idee, eine so strahlende Messe in großem Rahmen an diesem Tag. Aber ein Requiem? Sei's drum, das Verdi-Requiem ist immer gut zu hören, denn es ist ein berauschendes Kunstwerk.

Seine Entstehung verdankte es einem weltlichen und nationalen Grund, nämlich dem Tod Alessandro Manzonis als einem die junge italienische Nation erschütternden Trauertag. Verdis Requiem auf Manzoni ist ein dramatisches, kein religiöses Werk, trotz der tiefen Religiosität des Dichters Manzoni. Es ist ein weltlicher Nachruf, dessen überwältigendes Echo seinen Grund im nationalen Pathos hatte.

Die Aufführung des Requiems in der Dreifaltigkeitskirche bestach vor allem durch die hervorragende Präzision und die absolute Geschlossenheit der Ensembles. Traugott Mayr setzte auf einen leisen, sehr verhaltenen, spannungsvollen Beginn. Anfängliche Probleme bei den Streichern nahm er in Kauf, dafür entfalteten sich die großartigen Pianissimo-Qualitäten des großen Chores vom ersten Takt an.

Für das Projekt hatten sich die Kantorei der Dreifaltigkeitskirche und die Evangelische Kantorei Kempten zusammen getan. Mit dem donnernden Einsatz des "Dies irae" wurde dann deutlich, wie gut Chor und Orchester in jeder Hinsicht abgestimmt waren. Ein voll tönendes, starkes Fortissimo ohne Schärfe, ohne plakative Effekthascherei zeugte auch vom guten Geschmack, der hier am Werke war. Die Zuhörer badeten im Klang, im Kino würde man von "Surround-Sound" sprechen, denn die Blechbläser waren auf der Empore im Rücken des Publikums postiert.

Genau und ausgewogen

In jeder Hinsicht stimmig gerieten auch die leisen, zurückgenommenen Passagen. Traugott Mayr ließ sich in keinem Moment von der opernhaften Dramatik der Partitur verführen, er setzte auf Genauigkeit und Abgewogenheit. Das Sanctus und das Agnus Dei gegen Ende des Requiems machten das noch einmal deutlich. Hier der strahlend fröhliche, kraftvoll musizierte Triumphmarsch, dort das feine, leuchtend transparente Agnus Dei voller Zartheit. Weniger überzeugend dagegen das Solistenquartett* mit Carole Fitzpatrick, Sopran, Gabriele Erhard, Mezzosopran, Reginaldo Pinheiro, Tenor, und Christian Hilz, Bass. Zu einigen Schwächen hinsichtlich der Intonation kam eine kaum mehr als routinierte künstlerische Leistung. Der allgemeinen und gerechtfertigten Begeisterung in der restlos ausverkauften Dreifaltigkeitskirche konnte das aber zu recht keinen Abbruch tun.

André Krellmann

 

*
Lesen Sie, was die Allgäuer Zeitung zu der Kemptener Aufführung mit dem gleichen Solistenquartett schreibt:

Kritik Kempten